Der Pate von Facebook
Friday, 01 August 2008
Was Facebook für die Theorie, ist Jim Haynes für die Praxis. Der Amerikaner, quasi das personifizierte soziale Netzwerk, veranstaltet in seinem Atelier in Paris jede Woche ein Open House – seit mehr als dreissig Jahren. Die halbe Welt hat schon vorbeigeschaut.
Man könnte erwähnen, dass Jim mit John Lennon und Yoko Ono bekannt war, bevor sich diese kennengelernt haben. Man könnte David Bowie erwähnen, die frühen Pink Floyd oder Michelangelo Antonioni, er kennt und hat sie alle gekannt. Aber dem Charakter des sonntäglichen Get together würden diese berühmten Namen alleine nicht gerecht. Es sind ganz normale Menschen, Human beings, wie Jim sie nennt, die seit 33 Jahren und mit schöner Regelmässigkeit jeden Sonntag Abend das aparte Atelier im 14. Arrondissement bevölkern und über Gott und die Welt diskutieren. Grosse, kleine, ältere und jüngere, Frauen und Männer, die meisten gut gelaunt und interessiert am Gegenüber. Man duzt sich in der Regel, viele sind Touristen, die einen Hinweis von einem Bekannten gekriegt haben, manche sind regelmässig zu Gast: Auch in der Stadt der Lichter ist der Sonntag bloss der Tag vor dem Montag. Kurz: Eine buntgemischte Schar, die sich dicht gedrängt im Wohnzimmer von Jim und seinen Freunden bekochen lässt und Wein aus dem Tetra Pak trinkt.
De Haynesville à Paris
Die Geschichte, wie Jim Haynes aus Haynesville, Louisiana, nach Paris kam, schreibt wahrlich das Leben und man würde es kaum glauben wollen, wenn man es auf der Leinwand sähe. Vor 76 Jahren in besagtem 1000 Seelen Dorf im Süden der USA geboren, der Zeit der grossen Depression und strikter Rassentrennung, zieht die Familie nach Ende des zweiten Weltkriegs des Ölgeschäfts wegen nach Venezuela. Der junge Jim reist mit dem Scooter quer durch Mittelamerika (Che Guevara war fast zur selben Zeit mit dem Motorrad in Südamerika unterwegs), schreibt sich Jahre später, nach der Rückkehr in die USA, an der Universität von Louisiana ein und büffelt als frischgebackener Armeeangehöriger jeden Tag Russisch. Wird als 22-jähriger auf eigenen Wunsch nach Edinburgh, Schottland, versetzt, wo er tagsüber an der Uni studiert und in der Nacht auf der Basis russische Funksprüche übersetzt. Edinburgh hat es ihm angetan, er besucht das damals relativ junge und inzwischen legendäre Edinburgh Festival und macht sich mit der lokalen Kulturszene vertraut. Das Motto des Festivals, «provide a platform for the flowering of the human spirit» (etwa: «…eine Plattform bieten um den menschlichen Geist zum Blühen zu bringen») sollte Programm werden, er lernt Leute kennen mit ähnlichen Ideeen, versucht sich im modernen Leben, Frauen, Alkohol und Rock’n’Roll werden in der Szene fester Bestandteil und wer sich gegenüber Gelegenheiten offen zeigte, wurde belohnt. Heute nennt man das Networking – eine Eigenschaft, die Jim als offensichtliches Naturtalent seit jungen Jahren beherrscht und die ihn ein Leben lang begleiten wird.
Das Tempo erhöht sich, die Entwicklung folgt Schlag auf Schlag. Jim eröffnet einen Buchladen, lernt durch das Festival Literaten wie Henry Miller, Norman Mailer und William S. Burroughs kennen, um nur die bekanntesten Namen zu nennen. Es entwickelt sich ein reger Austausch mit der Szene in London, wo es Jim Mitte der 60er Jahre hinzieht und wo er Musikclub- und Galeriebesitzer wird. Die Röcke wurden bald kürzer, die Szene in der Welthauptstadt der Popkultur explodierte geradezu und die Luft vibrierte nicht nur der sexuellen Erregung wegen – und Jim Haynes stand mittendrin, im Auge des Orkans. Zu den Literaten in seinem Bekanntenkreis gesellten sich die Musiker und Filmemacher (Antonioni setzte der Zeit mit seinem Film «Blow up» ein Denkmal) und wenn man so etwas wie einen Impressario von Swingin’ London benennen müsste, Jim käme dafür in Frage.
Dann schliesslich 1970, nach einem Abstecher nach Amsterdam und der Gründung des sexuellen Befreiungsblattes «Suck» sowie des «Wet Dream Film Festival», der Ruf nach Paris. Die Université 8 engagierte den Hansdampf als Gastprofessor für Medienwissenschaften und Sexual Politics. Dass Frankreich seine neue Heimat werden sollte, hat auch Jim nicht geahnt: «Ich fühlte mich natürlich geehrt, aber zögerte. Warum sollte ich nach Paris gehen? Ich spreche kein Französisch und liebe London, warum also? Der Rektor wollte mich aber unbedingt kennenlernen und überredete mich zu einem Gespräch. Und irgendwie bin ich hängengeblieben. 2004 wurde ich an der Uni emeritiert, nach 33 Jahren.»
Le dimanche
Anlass zu den Dinners gab 1976 die Bemerkung einer Tänzerin und temporären Mitbewohnerin, ob sie denn nicht «für ein paar Freunde kochen soll». Der Anlass schien gefallen zu haben, Jim erinnert sich: «Am Anfang war es zweimal die Woche, Mittwoch und Samstag, und jede Woche kamen mehr und mehr Leute! Ich machte mir Sorgen wegen meinen Nachbarn, dachte mir, die flippen aus, also haben wir die Dinners auf Sonntag verlegt und inzwischen, nun, die Nachbarn wurden sehr schnell regelmässige Gäste. Ich habe wunderbare Nachbarn!»
Die Jahre vergingen und die unvermeidliche Mund-zu-Mund Propaganda hat das Ihrige dazu getan, dass der Anlass Jahrzente, bevor Facebook seinen Eingang in den Sprachschatz fand, zu einem Phänomen wurde. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass Haynes aus Idealismus und Spass an der Sache nicht nur virtuell unzählige Freundschaften geschlossen, sondern auch von Angesicht zu Angesicht die halbe Welt getroffen hat: 100’000 Personen sollen es inzwischen gewesen sein, und er hat alle Namen fein säuberlich notiert. Zum Beispiel Anna aus Litauen, die in Paris Tanz studiert und immer wieder vorbeischaut oder John, der Schriftsteller aus New York, der mit seiner Familie in Frankreich Ferien macht und bis vor wenigen Stunden nichts von Jim und seinen Dinners gewusst hat – und dank des Hinweises eines Freundes jetzt begeistert davon schwärmt. Wieder zuhause, wird auch er seinen Freunden davon erzählen und so kommt es, dass sich jeden Sonntag, Woche für Woche, Jahr für Jahr zwischen 70 und 120 wildfremde Menschen in Jim’s Atelier treffen. Ein Atelier übrigens, wie es dem Klischee des weitgereisten Literaten entspricht, zweistöckig und lichtdurchflutet, latent unaufgeräumt und vollgestopft mit Büchern zu jedem erdenklichen Thema, wunderschön in einem Innenhof gelegen inklusive Kiesweg mit Büschen und Sträuchern. Der Legende zufolge in den 10er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von Henri Matisse bewohnt, umweht den ganzen Komplex noch heute den Hauch von Montparnasse, dem nördlichen Nachbarquartier, «Heimat der Musen und Inbegriff der Lyrik», wie es so schön heisst.
Bonjour, je t'aime
Das Ritual, um eine Einladung zu kriegen respektive den Code für das schwere Eisentor zum Hinterhof ist denkbar einfach: Man ruft Jim am Samstag an, nennt die Namen aller Personen, die vorbeischauen möchten und kriegt den Code mit dem Hinweis, pünktlich um 20 Uhr zu erscheinen. Jim belässt es nicht dabei, den Leuten seine Räumlichkeiten zum Essen zur Verfügung zu stellen, er ist aktiver Mittelpunkt, sitzt auf seinem Barhocker in der Mitte des Raumes und macht so gut es geht alle miteinander bekannt: «Pierre, das ist Antoinette. Sag Hallo!» Man begrüsst sich, wechselt zum nächsten, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, dass der Menschenstrom, der vorbeischaut, schier nicht abreisst. Die alten Hasen, natürlich, wissen um den Ablauf, nehmen sich einen Teller und stehen in die Schlange, um sich Pasta, Reis oder was immer man sich ausgedacht hat, ausschenken zu lassen. Spielt das Wetter mit dauert es nur kurze Zeit bis auch der Kiesweg vor dem Atelier bevölkert ist, man versucht gleichzeitig zu tratschen und einen Happen zu essen, Wein wird kredenzt. Wer neu ist, erkundet im Atelier jeden Winkel und bemerkt, dass manche Bücher wie «Hello I love you», «Workers of the World, Unite and Stop Working!» oder «Thanks for coming!» von Jim selbst geschrieben sind und fragt sich klammheimlich, ob die Klientel tatsächlich nichts anderes im Sinn hat als sich bekochen zu lassen oder ob das Get together durchaus wörtlich gemeint ist. Make love not war ist nicht zufällig die Lebensphilosophie des Gastgebers, allein, mit den Kochtöpfen scheint es der Meister nicht besonders zu haben: «Ich gehe um die Ecke und mache Besorgungen, aber als Koch bin ich furchtbar. Ein bisschen Salz und Pfeffer, mehr kann ich dazu nicht beitragen. Wenn alle Zutaten gut sind, kann sowieso kaum etwas schiefgehen. Meine wunderbaren Bekannten allerdings sind wirklich gute Köche und wissen inzwischen, wie man für 100 Leute kocht.» Erzählt’s und kugelt sich fast vor Lachen.
Die Lingua Franca übrigens ist, wie könnte es anders sein, Englisch. Oder viel eher, man unterhält sich, wie es halt geht. An der Sprache sei noch kein Gespräch gescheitert, meint der Meister und überhaupt fasziniert der Sprachenmix, der einem bei Auskundschaften der zwei Stockwerke begegnet. Man vermutet, dass es bei den Vereinten Nationen nicht anders ist, vielleicht mit Ausnahme der Krawatten, die bei Jim nicht nötig sind. Die Stimmung ist betont locker und respektvoll und Vorfälle wie bei der Tochter eines bekannten amerikanischen Politikers, die einen Topf mit Spaghetti abgekriegt hat, die absolute Ausnahme.
Au revoir!
Ob exaltiert oder schüchtern, Künstler oder Banker, Franzose oder Amerikaner – Jim scheint sie mit seinem heiteren Gemüt alle für sich einzunehmen. Wenig überraschend also, dass man sich als Gast ein bisschen zurück versetzt fühlt in eine Zeit, in der man noch an die Zukunft glaubte, oder zumindest bildet man sich das als Spätgeborener ein. Ungewiss allerdings, ob noch lange Zeit zum Träumen bleibt, denn nicht nur Facebook muss sich mit den Realitäten des freien Marktes auseinandersetzen: Die Ateliers sollen offenbar verkauft werden. Ob und wann dem so sein wird, steht in den sprichwörtlichen Sternen, die inzwischen am Nachthimmel über Paris leuchten. Jim, wie nicht anders zu erwarten, nimmt es mit der gebührenden Gelassenheit: «Wir werden sehen». Er geht davon aus, dass sich ein weisser Ritter finden wird, der die Sunday Dinners unter Denkmalschutz stellt. Und so öffnet man denn zuversichtlich und spätestens um 23 Uhr das grüne Eisentor und macht sich wieder auf den Weg zurück in die Realität. Lässt Revue passieren, wen man getroffen hat, schaut sich die Visitenkarten an die man gekriegt hat und nimmt sich vor, in Kontakt zu bleiben, vorbeizuschauen mit einer Flasche Wein, wenn man das nächste mal in Sydney, Tel Aviv, Barcelona oder Palo Alto ist.
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